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Enoch zu Guttenberg
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Rede von Enoch zu Guttenberg am 12. Mai in Kulmbach

 

 

 

Enoch zu Guttenberg wurde 1946 geboren. Er studierte Komposition und Dirigieren in München und Salzburg.
Guttenberg ist stark im Umweltschutz engagiert. Er war 1975 Mitgründer des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) aus dem er im Mai 2012 austrat, weil er die seiner Meinung nach landschaftszerstörenden Windkraftanlagen im Gegensatz zum BUND ablehnt und den Verdacht der Käuflichkeit des BUND nicht länger mittragen will.
Für seine Arbeit erhielt Guttenberg einige Auszeichnungen, darunter den Deutschen Kulturpreis, den ECHO Kassik, das Bundesverdienstkreuz sowie den Bayerischen Verdienstorden. (Quelle Wikipedia)

 

 

 

 

 

 

Der Verlust von Schönheit der Landschaft ist in der Regel verbunden mit einem ökologischen Verlust“ (2003, Zitat Prof. Dr. Weiger, 1. Vorsitzender des Bundes Umwelt- und Naturschutz Deutschland)

Meine verehrten Damen und Herren (etc.),

zu den unvermeidlichen Lektüren unser aller Jugend zählte vormals neben Karl May, Jack London und Jules Verne auch H. G. Wells; und so, wie keiner, der sie lesend je erlebte, Winnetou, Wolfsblut und Kapitän Nemo je vergessen wird, so blieb mir und uns allen aus Wells‘ „Krieg der Welten“ eine Szene unauslöschlich in Erinnerung: die erste Begegnung des Erzählerhelden mit jenen Maschinenmonstern, mit denen die Marsbewohner ihre Invasion der Erde einleiten.

Anfangs achtete ich nur auf die Straße vor mir; plötzlich aber wurde meine Aufmerksamkeit durch etwas anderes erregt. (..) Zuerst hielt ich es für das nasse Dach eines Hauses; aber ein Blitz, der einem anderen unmittelbar folgte, zeigte es mir in rascher, rollender Bewegung. (..) Wie soll ich es beschreiben? Ein ungeheurer Dreifuß, höher als viele Häuser, fuhr über die jungen Fichten und schmetterte sie in seinem Lauf zur Seite; eine Maschine aus glitzern-dem Metall, die über die Heide fuhr. (..) Da teilten sich plötzlich die Bäume des Fichtengehölzes auf der Anhöhe vor mir (..) und ein zweiter ungeheurer Dreifuß tauchte auf. (..) Beim Anblick dieses zweiten Ungetüms wurde ich kopflos. Ohne lange zu überlegen, riss ich das Pferd herum, (..) die Deichsel zerbrach mit Getöse, ich wurde zur Seite geschleudert und fiel mit aller Wucht in ein Wasserloch.“

Nun, meine Damen und Herren, inzwischen wurde die Horrorvision des Jahres 1898 Wirklichkeit. Es gibt sie, diese stählernen Monster, diese apokalyptischen Engel mit den Säulenbeinen, auch wenn sie sich statt mit drei Füßen mit drei Rotorblättern durch die Landschaft fräsen. Doch sie sind kein Werk außerirdischer Invasoren. Sie sind einzig von uns selbst gemacht. Auch wenn sie so gespenstisch anmuten, als wären sie tatsächlich vom Mars gefallen.

Und ich will nicht verleugnen: Es ist auch eine Kinderangst, ein atavistisches Ur-Entsetzen, das mich umtreibt. Die Vernunft weiß denn auch gute Gründe, gegen diese Ängste anzureden. Die Vernunft sagt mir: Es hilft der laufenden Debatte herzlich wenig, die Windenergie zu dämonisieren, sie zu einem bloßen Popanz aufzubauen. Sie hat innerhalb eines umfassend neu bedachten Energiekonzeptes durchaus ihre sinnvolle Funktion, sie kann und muss dort, wo sie hingehört, ihren gewichtigen Anteil an der Stromversorgung leisten. Sie ist eine von zahlreichen Komponenten, um unsere energetische Autonomie und damit den Erhalt unserer Wirtschaftskraft nach dem Atomausstieg zu sichern.

Und trotzdem. Jedes Mal von neuem, wenn ich durch die abendlichen Mittelgebirge fahre. Jedes Mal, wenn jäh nach einer Steigung auf dem nächsten Gipfelkamm im Wald vier oder fünf von diesen Ungeheuern aus dem Nichts auftauchen – jedes Mal von neuem befällt mich die alte H. G. Wells-Horror-Vision: ein panisches Bedürfnis, das Steuer herumzureißen; das Steuer politisch herumzureißen, um die Menschen vor dieser Ungeheuerlichkeit zu bewahren.

Selbst den Erfindern und Entwicklern dieser Technologie war vormals das Monströse, über jedes Menschen-, Raum- und Landschaftsmaß Hinausgetürmte noch sehr wohl bewusst. Als in den frühen 1980er Jahren im Kaiser-Wilhelm-Koog bei Marne die erste deutsche Großwindenergieanlage errichtet wurde, waren es die Betreiber selbst, welche diese sperrige Bezeichnung in einer Anwandlung von Galgenhumor auf das Kürzel „Growian“ reduzierten und ihrer Gesellschaft sogar diesen Namen gaben: „Growian GmbH“. Das ehrt sie. Denn es zeigt, dass ihnen das Maßlose, das grobianisch Ungeschlachte ihres Konstrukts noch in die Augen sprang. Dass sie es nicht herunter redeten, sondern sich zu der zyklopischen Dimension bekannten.

Dies hat sich inzwischen gründlich geändert. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte wörtlich: „Das sind sehr schöne Maschinen, mir gefallen sie.“ Und in einer Broschüre der Firma NW – Neuhäuser-Windenergiesysteme, aparterweise spezialisiert auf den besonders virulenten Markt relativ kleiner, also mit rund 20 bis 25 Metern „nur“ kirchturmhoher Anlagen für jedermann, liest man unter dem Titel „Visuelle Integration“ folgende Werbelyrik: „Die vertikalen H-Rotoren der NEUHÄUSER-Windenergiesysteme haben eine elegante, schlanke Form und eine symmetrische Ausrichtung. Die Anlagen sind architektonisch und städtebaulich gut integrierbar und fügen sich besonders in eine zukunftsweisende Bauästhetik homogen ein.“

Das ist doch immerhin ein Wort! Doch unser wenigstens in Teilen immer noch berückend schönes altes Deutschland besteht leider nicht allein aus „zukunftsweisender Bauästhetik“. Es besteht aus einer in Jahrtausenden gewachsenen, geformten Landschaft, einem singulären Reichtum zivilisatorischer Strukturen und historischer Substanz.

Nun aber, nach der Energiewende des Sommers 2011, stehen die Schleusen auf einmal klaffend offen. Es geht nicht länger bloß um „zukunftsweisende Bauästhetik“, also – prosaischer gesagt – um Gewerbegebiete, Industriereviere, Siedlungswüsten und planierte Autobahnbrachen. Dort nämlich, inmitten des ubiquitären Kahlschlags, dessen sich die zweige-teilte Republik in den vergangenen Jahrzehnten schuldig machte, sind Windräder tatsächlich „städtebaulich gut integrierbar“; dort können sie, als technoide Variante eines Riesenspielzeugs, vielleicht sogar ihren ganz eigenen Charme entfalten. Doch davon reden wir hier leider nicht. Inzwischen nämlich geht es um die Kernregionen deutscher Geschichte und Kultur, geht es um Landschaftsschutzgebiete, um Naturpark-Schutzzonen, um bislang sorgsam bewahrte Kulturräume und Ensembles, denen man um unseres unstillbaren Energiehungers willen nun jene „zukunftsweisende Bauästhetik“ zu verpassen sucht – und sie damit, im Verein mit den unsagbaren Photovoltaik-Untaten auf den Dächern alter Ortsgefüge, in ihrer Identität, in ihrem Wert hinrichtet und vernichtet.

Denn was wir in Bayern angesichts der laufenden Planfeststellungsverfahren noch als Schreckensszenario diskutieren, ist anderswo in diesem Land längst desaströse Realität. In Niedersachsen zum Beispiel, das derzeit mit über 5.500 Anlagen den Rekord unter den deutschen Bundesländern hält. Ein Agenturbericht der regierungsnahen Berliner dapd vermeldet die Verwüstung so: „Beim Ausbau der Windenergie in Deutschland behält Niedersachsen die Spitzenposition inne. Im vergangenen Jahr wurden knapp ein Fünftel aller bundesweit neu installierten Windenergie-Anlageleistungen in Niedersachsen errichtet.“ Ein Reisebericht Winand von Petersdorffs in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ kommt da leider zu ganz anderen Erfahrungswerten: „Weder Hügelketten noch Wälder begrenzen die grüne Landschaft Ostfrieslands. Es ist schiere Weite. (..) Immer waren die roten Backsteinkirchen die Markierungspunkte der Landschaft. Ostfriesland ist, so heißt es in alten Texten, das Land, in dem man von Kirche zu Kirche sehen kann. Das Bild ist vergessen. Heute gilt: Egal wo man in Ostfriesland steht, immer sieht man ein Windrad, meistens mehrere, oft viele. Bis zu 200 Meter hohe Energieriesen haben jeden Horizont gekapert und das freie Land gezeichnet. Die Kirchen aber sind klein geworden.“

Kann es das wirklich sein? Dieses Elendsbild eines besetzten, seiner selbst beraubten Landes nunmehr auch in Bayern – wenn auch unter umgekehrter Prämisse? Denn hier sind es nicht die Ebenen, welche die Planer reizen, sondern die Hügel, Berge, Gipfel, Höhenkämme. Der „Bayerische Windatlas“ des Staatsministeriums für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie gibt dazu erschöpfend Auskunft und benennt ausdrücklich „die bewaldeten An-stiege zu den höher gelegenen Regionen Bayerns“, also konkret den Oberpfälzer Wald, die Röhn, die Fränkische Alb, das Fichtelgebirge, den Frankenwald, den Bayerischen Wald so-wie das gesamte Alpenvorland einschließlich der Bayerischen Alpen.

Was dies in der Praxis heißt, mag jeder selbst ermessen. Denn während man in Niedersachsen die Fläche und Weite einer Landschaft hemmungslos verspargelte, geht es in Bayern um die prägenden Sichtachsen, die großen Perspektiven unseres Landschaftsbildes, also um jene Höhenrücken, deren Formung und Profil den Charakter ganzer Regionen gestaltet und bestimmt. Und fast erscheint mir dies noch furchteinflößender, noch näher an H. G. Wells‘ Mars-Invasion als das Verstellen eines Bundeslandes mit einem 200 Meter hohen Bauzaun.

Die Kabarettistin Luise Kinseher fand dafür in ihrer jüngsten Salvator-Rede eine glänzend böse Formulierung: „Bayern, das erste Land mit rotierenden Gipfelkreuzen.“ Der Witz ist gut genug, um ihn für eine Minute ernst zu nehmen. Denn was sind Gipfelkreuze, wenn nicht Erinnerungszeichen, dass man dort, wo Ebenen und Täler unter einem liegen, wo der Aus-blick grenzenlos und frei ist und darüber einzig noch der Himmel; dass man eben dort demütig werden sollte und – vielleicht – dem Herrgott danken für die Wunder, die wir Schöpfung nennen?

Stattdessen nun also die Riesentotems eines Kults der unbegrenzten Energie, die Fetische des Wachstumsglaubens, die Verkünder einer Religion des merkantilen Hochmuts?

Dass die Riesenräder dieser Schöpfung auch in anderem Belang längst nicht so harmlos gegenüberstehen, wie die Befürworter behaupten, ist der Fachwelt hinreichend bekannt. Dennoch bleibt es der Erwähnung wert. Windkraftanlagen nämlich sind nicht nur Geländefresser. Sie erfordern nicht nur, um gebaut und betrieben werden zu können, die Erschließung, also die Entwaldung ganzer Höhenzüge und damit das Auseinanderreißen gewachsener Biotope. Sie sind zudem hocheffiziente Geräte zur Vernichtung von Vögeln und Fledermäusen. Die „Hinweise zur Planung und Genehmigung von Windkraftanlagen“ der Bayerischen Staatsregierung vom 20. Dezember 2011 befleißigen sich hier einer durchaus skrupulösen Sorgfalt und nennen als besonders gefährdet unter anderem den Schwarzstorch, den Weißstorch, die Wiesen- und Rohrweihe, den Schwarz- und Rotmilan, den Baumfalken und Wanderfalken, den Wespenbussard, den Uhu, den Graureiher etc. – all dies ohnehin bedrohte Vogelarten, die vom Sog der Windräder jedoch unrettbar eingezogen und buchstäblich zerhäckselt werden. Den Fledermäusen ergeht es ähnlich, wobei hier bereits der Druckunterschied im Umkreis der Rotoren ausreicht, um den Tieren ihre Lungen platzen zu lassen. Dazu kommen Arten, welche die Nähe von Windkraftanlagen – vermutlich wegen der Geräuschemissionen und der Bewegung der Rotorblätter – panisch meiden, darunter das Alpenschneehuhn, das Haselhuhn, der Birkhahn, Auerhahn und die Rohrdommel. Die Autoren der bayerischen „Planungshinweise“ nennen diesen Artenverlust durch Abwanderung sehr treffend „Scheuchwirkung“.

So ist diesen Autoren durchaus auch ein Kompliment zu machen. In ihrem 65-seitigen Text werden die Probleme und Gefahren der Windkraft ungleich sorgsamer diskutiert als in manch geifernder Polemik. Umso erschütternder erscheint das Resultat. Denn der entsprechende Passus in der Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit lautet: „Die für die Zulassung in der Praxis wichtige artenschutzrechtliche Prüfung wird auf den erforderlichen Umfang beschränkt. So reduziert sich der mögliche Prüfungsumfang von bisher 386 auf 26 Vogelarten und von bisher 24 auf 8 Fledermausarten.“ – Und spätestens bei diesen vier Zahlen muss man innehalten, weil einem der Atem stockt.

Nicht minder aber stockte mir der Atem, als ich meine Sorgen und Befürchtungen dem Vorsitzenden des Bund Naturschutz in Bayern Prof. Dr. Hubert Weiger mitteilte und von ihm wörtlich Folgendes zur Antwort erhielt: „Nach intensiver interner Diskussion im Bund Naturschutz und im Bundesverband BUND sind wir im Interessenskonflikt Energie – Wald – Artenschutz zu dem Schluss gekommen (..), dass es aktuell keine Daten gibt, die in Deutschland eine Gefährdung von Populationen von Tier- oder Pflanzenarten nahelegen oder belegen. Die Mortalitäten im Straßenverkehr sind um den Faktor 1.000 bis 10.000 höher.“

Wie bitte? Werden da von einer Organisation, die bislang heiße Kämpfe ausfocht um den Fortbestand selbst kleinster Populationen von Hufeisennasen oder Juchtenkäfern, plötzlich alle Tiere, wie sie sind, in einen Topf geworfen und verbraten? Denn wen betreffen denn die „Mortalitäten im Straßenverkehr“? Vor allem doch die Igel, Hasen, Füchse, Rehe, Dachse, Frösche, Mäuse, Amseln – und natürlich Menschen. Aber Weißstörche und Rauhhautfledermäuse? Es klingt wie ein schlechter Witz! Hat je einer von Ihnen mit dem Pkw einen Storch oder gar eine Fledermaus überfahren? Nein, hier sagt mein armer Menschenverstand, dass die „Mortalitäten im Straßenverkehr“, vor allem die strengst geschützter Arten, erheblich geringer liegen dürften, als bei den mit 400 Stundenkilometern sausenden Rotor-blättern.

Woher also dieser Enthusiasmus für die Windkraft, der den BUND in Baden-Württemberg sogar zu einem Internet-Auftritt mit dem Titel „Argumente für Windenergie“ veranlasste? Woher die Chuzpe, darin auch noch das folgende Unfassbare zu formulieren: „Landschaftsschutz kann dabei nur ein Unter-Argument in der Abwägung sein. Schon immer prägte der Mensch massiv seine Umwelt: Straßen, Gewerbegebiete, Großkraftwerke, Funkmasten, Skipisten, Strommasten, Ritterburgen oder Aussichtstürme sind landschaftsprägende Elemente. Es liegt in der Natur der Sache, dass windgünstige Standorte teilweise an besonders exponierten Stellen liegen. Ökonomisch und ökologisch macht es Sinn, genau dort Windräder zu errichten.“

Ich wollte, ich könnte derlei Stellungnahmen einem Anfall geistiger Verirrung zugutehalten. Aber wurde nicht ausgerechnet die „Naturstrom AG“ als erstes unabhängiges Ökostrom- Handelsunternehmen Deutschlands 1998 vom BUND mitgegründet? Wirbt nicht der BUND selber für dieses Unternehmen mit dem Argument, „dass man sich als Naturstrom-Kunde ganz automatisch an der Förderung von Neuanlagen beteiligt, denn der Grundpreis beinhaltet 1,25 Cent/Kilowattstunde brutto für Neuanlagenförderung.“ Kurz – ich kann mich des fatalen Eindrucks nicht erwehren: Hier geht es gar nicht um Natur und ihren Schutz. Hier geht es möglicherweise schlicht um Geld.

Und es ging um Geld als der BUND im Jahr 2003 vor Gericht zog um gegen den geplanten Windpark in Nordergründe am Wattenmeer zu klagen. Eine der wichtigsten europäischen Vogelruten war höchst gefährdet. Aber – weil es eben um Geld ging, um sehr viel Geld, zog der BUND gegen eine Zahlung von 800.000 Euro des Betreibers seine Klage zurück. Das Geld floss bei Baubeginn an eine Stiftung, die von BUND-Mitgliedern verwaltet wird (wegen geradezu marginaler Beträge treten heute Bundespräsidenten zurück). Das gleiche Muster nur mit abenteuerlicheren Beträgen beim Kampf gegen die Emsvertiefung: Klageverzicht des BUND, gütliche Einigung mit dem Betreiber, 9 Mio. Euro an eine Stiftung. So einfach ist das.

Dies jedoch, diesen Verdacht der Käuflichkeit, vermag ich nicht länger mitzutragen. Vor 37 Jahren hatte ich die Auszeichnung und Ehre, den BUND gemeinsam mit so großen Männern wie von Bernhard Grzimek, Hubert Weinzierl und Herbert Gruhl zu gründen. Ich war in dieser Gründerzeit Vorstandsmitglied und Sprecher des wissenschaftlichen Beirats. Nun jedoch ging mir das Heimatgefühl in diesem meinem zweiten Vaterhaus verloren. Ich erkläre deshalb schweren Herzens und in großer Trauer hiermit meinen Austritt. Ich will nicht Teil sein und Teil haben an all dem, was nunmehr – und sei es in bester Absicht – an unkündbar scheinenden Prinzipien über Bord geworfen wurde. Ich kann und werde bei aller Sympathie für alternative Energien meine Hände nicht in eine und sei es auch nur vage Nähe zu jenem Geldfass recken, das die Grundbelange des Natur- und Denkmalschutzes, so wie wir sie damals dachten, korrumpiert.

Denn, um eine auf Windenergieanlagen spezialisierte Anwaltskanzlei in Dießen am Ammersee zu zitieren: „Es hat sich zwischenzeitlich eine Art ‚Goldgräberstimmung‘ im Investitionsbereich entwickelt.“ Das heißt, wir reden leider längst nicht mehr von einer sinnvollen, verantwortbaren Zukunft der Energiewirtschaft in Deutschland. Wir reden vom schnellen Reibach. Wir reden von bedrängten Politikern, die nach der Energiewende verzweifelt nach alternativen Lösungen suchen und denen gerade die Windräder als weithin sichtbare Symbole des Wandels zupassekommen. Wir reden von Bürgermeistern, die eine sprudelnde Geld-quelle für ihre notorisch klammen Gemeindesäckel wittern. Wir reden von Anlegern, denen Betreiberfirmen per Fernseh-Werbespot 8 Prozent Rendite für ihre Aktien garantieren. Und wir reden natürlich von den Betreibern selber, denen sich innerhalb eines Jahres märchenhafte Perspektiven öffneten. Erinnern Sie sich noch, wie nach dem Kommunikations-Debakel „Stuttgart 21“ von allen Seiten gefordert wurde, man müsse bei solchen Projekten den Bürger künftig weit früher und intensiver einbinden, man müsse ihn „mitnehmen“. Nun, bei der Windkraft wurden Bürger und Kommunen fraglos „mitgenommen“. Doch ich werde das Gefühl nicht los, man hat sie schlicht gekauft.

Das ökologischer Umtriebe gewiss unverdächtige Handelsblatt lieferte dazu am Beispiel der Betreiberfirma Prokon aufschlussreiche Zahlen: „Knapp sechs Prozent Eigenkapitalrendite erwirtschaftete Prokon aus seinen Stromeinnahmen im ersten Quartal, ausgeschüttet wurden aber acht Prozent. Wo kommen die fehlenden Prozente her? Es gibt bei den Windparks noch eine zweite, lukrativere Einnahmequelle, die genug abwirft um Anleger zu bedienen – die Projektentwicklung. Die Entwicklung neuer Windparks hat mit 10 Millionen Euro im ersten Quartal mehr Umsatz gebracht als der ganze Verkauf von Strom, der 14 Millionen Euro einspielte. Der Gewinn nach Abschreibungen, Steuern und Zinsen war dort sogar rund doppelt so hoch.“

Ja dann! Dann werden wir vermutlich voll Verzweiflung, aber ohnmächtig mit ansehen müssen, wie nun auch in Bayern die letzten Flecken unserer Natur, Kultur und Lebensgrundlage zugrunde gerichtet werden, damit die Anleger auch in Zukunft ihre acht Prozent Rendite bekommen. Wir werden miterleben müssen, wie selbst verantwortungsbewusste Landräte und Bürgermeister mittels § 35 des Baugesetzbuches zur Ausweisung von Standorten gezwungen werden. Und wir werden gegen Wände reden, wenn wir immer neu belegen, dass es durchaus Alternativen zu dem Irrsinn des Rotoren-Hochwalds gäbe. Dass sich das Problem vermutlich gar nicht stellte, wenn man die Alternative einer Halbierung des gegenwärtigen Energieverbrauchs nur beherzt angegangen wäre, statt sie wie die Regierung Merkel (in ihrer Bekanntmachung vom 21. April 2011) auf das Jahr 2050 zu verschieben.

Dabei liegend die Konzepte dafür seit langem vor. Ich muss hier nichts erfinden, denn alle folgenden Zahlen sind amtlich: Allein durch ein Verbot des Stand-By-Modus an elektrischen Geräten ließen sich pro Jahr sagenhafte 20,5 Milliarden Kilowattstunden einsparen. Der konsequente Ersatz handelsüblicher Haushaltsgeräte vom Kühlschrank bis zur Waschmaschine durch energieeffiziente Varianten erbrächte laut Statistik des Deutschen Bundestages eine Ersparnis von 55,7 Prozent. Bei Industriemaschinen wären immerhin noch 15,7 % herauszuholen. Und hätte man ein wenig früher über effiziente Speichertechniken nachgedacht (denn es gibt nicht nur die mit gutem Grund heiß diskutierten Pumpspeicherwerke; der Bundesanzeiger vom 17. Mai 2011 listet ein volles Dutzend elektrischer Speichermöglichkeiten auf); dann könnte man damit die derzeit teilweise grotesken, zu massiven Wettbewerbsverzerrungen führenden Überkapazitäten auffangen und sinnvoll steuern. Und dann könnte zum Beispiel auch eine effizient gestaffelte nächtliche Sperrzeit für Leuchtreklamen plötzlich energiepolitisch Sinn ergeben.

Stattdessen bauen wir nun also Windparks. Und bereits bei diesem Wort befällt mich neuer Schauder. Denn wofür standen denn die wundervollen Parks, die Landschaftsgärtner wie Capability Brown, Fürst Pückler-Muskau und Friedrich Ludwig von Sckell zur Zeit des späten Rokoko erschufen? Standen sie nicht für den vollkommenen Einklang zwischen Mensch und Landschaft, für die ideale Harmonie des rechten Maßes, für das Verschwimmen der Grenzen zwischen Natur und Kunst? Und nun also: der Park als Kahlschlag für die Sockel der Giganten. Selten war uns Orwells Neusprech näher. Und der Orwellianismus in den daraus resultierenden Werken auch.

Aber andererseits – erinnern Sie sich noch, woran bei H. G. Wells die Invasion der Marsbewohner scheiterte? Sie scheiterte am Allerkleinsten dieser Welt. Sie scheiterte an den Mikroben, den Bakterien und Viren unserer Atemluft – ein bestrickend moderner Gedanke. Mir jedoch bleibt hier nur eine vage Hoffnung: dass die Invasion der Riesen vom Berge doch noch am verschwindend Kleinsten dieser Welt, nämlich an der Mikrobe menschlicher Vernunft verenden könnte. Diese Hoffnung aber gebe ich - wider besseres Wissen - nicht auf.

Ich danke Ihnen.

 

 
Bürgerinitiative zum Schutz des Hochschwarzwaldes e.V.  | hj at oehm.de